2010

Philosophische Reflexionen zwischendurch:

 

 

 

Übergang von der Hypothese zum Dogma

Vergleichen wir nun zuerst einmal das Dogma und die Hypothese, so bemerken wir, dass die letztere einen Spannungszustand darstellt, welcher der Seele äußerst unangenehm sein muss. Die Seele hat die Tendenz, alle Vorstellungsinhalte ins Gleichgewicht zu bringen und eine ununterbrochene Verbindung zwischen denselben herzustellen: dieser Tendenz aber steht die Hypothese insofern feindlich gegenüber, als ihr die Vorstellung beigemischt ist, dass sie noch nicht durchaus mit den übrigen objektiven Vorstellungen in Eine Reihe zu setzen sei: sie ist nur probeweise in die Seele aufgenommen und hindert also jene Tendenz allseitiger Ausgleichung. Die einmal als objektiv angenommene Vorstellung hat ein stabiles, die Hypothese nur ein labiles Gleichgewicht; die Psyche tendiert aber dahin, jeden psychischen Inhalt immer stabiler zu machen, seine Stabilität zu vergrössern. Der Zustand des labilen Gleichgewichts, wie er physisch unangenehm ist, ist auch psychisch unangenehm. (...) Aus diesem Spannungszustand, der also ein unangenehmes Gefühl mit sich bringt, erklärt sich nun ganz naturgemäss die Tendenz der Seele, jede Hypothese in ein Dogma zu verwandeln. Der einzige Weg, um ein labiles Gleichgewicht in ein stabiles zu verwandeln, ist die Unterstützung des betreffenden Körpers: in der Psyche entspräche dieser Notwendigkeit, die Hypothese durch immer neue Bestätigung immer stabiler zu machen. Diesen einzigen erlaubten Weg indessen, der bei manchen Vorstellungen nicht bloss Jahrhunderte in Anspruch nehmen kann, sondern bei manchen sogar ganz unmöglich ist, umgeht die Psyche einfach dadurch, dass sie die Hypothese auf unerlaubte Weise in ein Dogma verwandelt. Der Übergang einer Hypothese in ein Dogma ist ein so alltäglicher psychischer Vorgang, dass wir uns hierbei nicht weiter aufzuhalten brauchen. Nicht nur im Individuum selbst findet dieser Übergang alltäglich statt, sondern auch bei der Mitteilung an Andere: was der Eine als Hypothese mitteilt, das nimmt der Andere als Dogma an: davon gibt es Beispiele in allen menschlichen Gebieten, nicht nur in der Wissenschaft; natürlich meinen wir damit also nicht die allmähliche Verifikation der Hypothese, sondern die unerlaubte Verwandlung einer Hypothese in ein Dogma (...)

Aus: Hans Vaihinger: Die Philosophie des Als Ob. Verlag Felix Meiner, Leipzig 1918 (3. Aufl.), Seite 220 f.

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So sind denn auch Lehrbücher im allgemeinen dogmatisch aufgebaut. Wenn man sie liest, gewinnt man den Eindruck, die Probleme seien im wesentlichen gelöst und man brauche diese Lösungen nur anzunehmen. Wie man etwa beurteilen könnte, ob und inwieweit die Problemlösungen adäquat sind, dafür pflegen keine Anhaltspunkte gegeben zu werden. Die Rolle der Kritik in der Wissenschaft erkennt man unter Umständen erst, wenn man wissenschaftliche Zeitschriften zur Hand nimmt und feststellen muß, daß gerade um die interessantesten Probleme heftige Kontroversen stattfinden. Das mag dann in der Tat verwirrend wirken, wenn man darauf nicht vorbereitet ist, etwa weil man in der Vorlesung und im Seminar aus “didaktischen” Gründen vor solcher “Verwirrung” sorgsam geschützt wurde. Solche Praxis erweckt den Eindruck, man komme auf die Universität nicht, um denken und damit methodisch zweifeln, sondern um glauben zu lernen.

 

Aus: Hans Albert, Marktsoziologie und Entscheidunglogik. Ökonomische Probleme in soziologischer Perspektive. Luchterhand Verlag, Neuwied und Berlin 1967, S. 403, Anm. 19.